Rede Dr.med. Dipl.-Ing. Fridun Nazaradeh im Audimax des Universitätsklinikums
Essen vom 1. Februar 2006

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde,

als Redner der Essener Klinikärztinnen und -ärzte darf ich mich Ihnen kurz vorstellen.

Ich heiße Fridun Nazaradeh, bin 33 Jahre alt, Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik,  Assistenzarzt in der Abteilung für diagnostische und interventionelle Radiologie im Marienhospital Essen-Altenessen und Sprecher der Assistenzärztinnen und -ärzte.

Als ich beim Treffen der Essener Obleute als jener Redner vorgeschlagen worden bin, der die Mißstände in deutschen Kliniken schildern soll, habe ich mich einerseits gefreut, andererseits, so muß ich gestehen, war ich auch ziemlich ratlos.

Wo fängt man an, ein System zu beschreiben, in dem mittlerweile ausnahmslos alles im Argen liegt, ein System, das vermutlich nur noch Spötter als das “deutsche Gesundheitswesen” bezeichnen würden?

Vielleicht mit dem bürokratischen Aufwand, der schon lange die Grenzen des Sinnvollen überschritten hat, mit den Fallpauschalen in den Kliniken, die immer abstrusere Folgen für die Patienten haben, mit den unbezahlten Überstunden, die mittlerweile von jeder Klinikverwaltung für selbstverständlich erachtet werden oder vielleicht doch mit den zahllosen unzufriedenen Patienten, deren Zorn sich auf uns statt auf das Bundesgesundheitsministerium entlädt?

Als Ärzte sind wir Tag für Tag mit den Mißständen einer Verwaltungsmaschinerie konfrontiert, in der die Bürokratie an erster Stelle steht und der Patient irgendwann danach folgt.
Den Bürgerinnen und Bürgern wird vorgetäuscht, sie wären in einem System versichert, in dem jedem Menschen jede medizinische Leistung bei Bedarf zur Verfügung stünde. Das ist eine Illusion!

Unser Gesundheitssystem wird allein durch den unermüdlichen Idealismus aller Ärztinnen und Ärzte sowie des Pflegepersonals aufrecht erhalten!

Fangen wir der Reihe nach, zunächst also mit dem bürokratischen Aufwand an:


Es gibt eine Vielzahl von Studien, die belegen, daß die Bürokratie im Gesundheitswesen in Deutschland in den vergangenen 15 Jahren so stark gestiegen ist wie in keinem anderen Land. Hier ein Beispiel aus der Augenheilkunde an der Universität Aachen.

Ärzte in kommunalen und konfessionellen Häusern müssen mehr als die Hälfte ihrer Zeit für die Erledigung von Verwaltungsaufgaben aufwenden, als da wären Verschlüsselungen von Diagnosen und Therapien, Beantwortung der Krankenkassenanfragen, Arztbriefe, Kurzbriefe, Qualitätssicherungsformulare und vieles mehr.

Die dabei entstehenden Überstunden schmerzen die Krankenkassen- und Krankenhausverwaltungen nicht, wird doch für selbstverständlich erachtet, daß wir die Aufgaben, die uns von den Verwaltungen aufgebürdet werden, unentgeltlich durchführen.

Kommen wir zu den Fallpauschalen. Das von der Politik gelobte Modell zur Kostendämpfung, das in seinem Mutterland Australien aus guten Gründen bereits in weiten Teilen wieder abgeschafft worden ist, führt in Deutschland zu schweren Mängeln in der Patientenversorgung!

Da trotz zahlreicher Kritik und massiver Proteste der Ärzteschaft auf den Punkt Sonderentgelte nicht hinreichend Rücksicht genommen worden ist und da die Pauschalen, wie in fast jedem Punkt der Finanzierung des Gesundheitswesens, viel zu knapp bemessen worden sind, werden Patienten nun viel zu früh und teilweise noch krank entlassen. Patienten, bei denen abzusehen ist, daß ihre Genesung mit der Pauschale nicht erreicht werden kann, werden dagegen von Krankenhaus zu Krankenhaus weitergereicht, um die Bilanz des eigenen Krankenhauses nicht zu gefährden.

Das ist die schmerzhafte Realität in der Welt der politisch garantierten, tatsächlich jedoch nur vermeintlichen Vollversorgung aller Bürgerinnen und Bürger in Deutschland.

Der nächste große Punkt ist das Gehalt deutscher Krankenhausärztinnen und –ärzte.

Das Grundgehalt eines Berufsanfängers liegt bei ca. 3000,- Euro brutto. Mit zahllosen Diensten und den damit verbundenen Folgen für die eigene Gesundheit kommt man vielleicht auf ca. 4000,- Euro brutto. Wenn man dann nach bestandener Facharztprüfung einen Facharzttitel hat und damit mehr Verantwortung aufgebürdet bekommt, so erhält man hierfür im Mittel 300 bis 400 Euro mehr. Wohlgemerkt, das nach 6 brotlosen Jahren an der Hochschule und 5 Jahren Facharztausbildung, wobei die meisten Kollegen noch als Arzt im Praktikum eineinhalb Jahre lang gerademal 1000,- Euro brutto als Grundlohn hatten.

Dazu kommt eine Arbeitsbelastung von im Schnitt 60 bis 65 h pro Woche.

Daraus ergibt sich also nach sechs Jahren Studium und fünf Jahren Facharztausbildung bei einer Wochenstundenzahl von ca. 60 Stunden ein errechneter durchschnittlicher Bruttostundenlohn von exakt 16 Euro.

Bekommt man nach bestandener Facharztprüfung eine Oberarztstelle geboten, so bekleidet man einen wesentlich verantwortungsvolleren Posten, doch nirgendswo sonst ist dies mit Einkommenseinbußen verbunden, außer im deutschen Gesundheitswesen. Ein Assistenzarzt mit Diensten verdient dabei oftmals ein paar Hundert Euro brutto mehr als ein Oberarzt. So etwas gibt es in keinem anderen Land, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Und dies ist einer der Hauptgründe, warum hochmotivierte, junge deutsche Ärztinnen und Ärzte diesem Land und seinem Gesundheitssystem den Rücken kehren!

An dieser Stelle muß erwähnt werden, daß unsere Kolleginnen und Kollegen, die an Universitätskliniken tätig sind, zusätzlich noch ihre Forschungsarbeit erledigen müssen, so daß sich hier die Wochenstundenzahlen schnell im Bereich zwischen 80 und 110 h pro Woche bewegen.

Hier links sehen Sie den Kopf hinter den Problemen des Gesundheitswesens und rechts davon seine Assistentin.

Jeder, der die Vita des Herrn Lauterbach kennt, weiß, daß dieser Mann einst einer von uns gewesen ist. Nach sechs Monaten ärztlicher Tätigkeit wurde ihm von seinem Chefarzt wegen erwiesener Unfähigkeit gekündigt, woraufhin er in den USA Gesundheitsökonomie studierte.

Daß derselbe Herr Lauterbach nun auf der politischen Bühne seine persönliche Inkompetenz an Ärzten und privaten Krankenversicherern und vor allem auf dem Rücken der Patientinnen und Patienten verüben darf, ist grotesk.


 

An dieser Stelle möchte ich bekanntgeben, daß der Kollege Wollring demjenigen eine Belohnung in Höhe von 100 Euro zahlt, der (als erster) die gültige Habilitation des Herrn Lauterbach für einen deutschen Universitätsprofessurtitel vorlegen kann.

Sowohl Herr Lauterbach als auch Frau Schmidt haben sich in letzter Zeit dadurch ausgezeichnet, den Bürgerinnen und Bürgern ständig weiß zu machen, man könne bei gleichbleibenden Krankenversicherungsbeiträgen das immer größer werdende Spektrum medizinischer Leistungen bezahlen. Jeder, der ein wenig rechnen kann, wird  erkennen, daß dies eine Lüge ist. In Wahrheit sind die Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen, die in den Sozialgesetzbüchern beschrieben sind, in den letzten Jahren ausgedünnt worden wie niemals zuvor, während die Verwaltungsausgaben jedes Jahr auf neue astronomische Marken steigen. Derzeit gehen fast 70% der Krankenkassenbeiträge in die Verwaltungsapparate und lediglich 30% kommen effektiv dem Patienten zugute.

 

Während die Krankenversicherungsbeiträge in den vergangenen Jahren inflationsbereinigt in Wahrheit durch gesetzliche Auflagen auf gleichem Niveau gehalten worden sind, wurden sehr teure und neue Behandlungs- und Untersuchungsmethoden möglich, wie z.B. Cochleaimplantate, AIDS-Therapie, MRT-Untersuchungen oder Interferonbehandlungen bei Carcinompatienten, um nur einen sehr kleinen Ausschnitt zu nennen.

Daß dies bei gleichbleibenden Kassenbeiträgen und steigenden Verwaltungskosten der gesetzlichen Krankenkassen nicht länger bezahlbar bleiben wird, auch nicht, wenn man aus den Ärztinnen und Ärzten das letzte Bisschen finanziellen Spielraums in Form von Überstunden, Streichung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Honorarbudgetierung und Verschreibungsverboten herausgequetscht hat, liegt auf der Hand.

Fakt ist weiterhin, daß die Personen Lauterbach und Schmidt die Bürgerrechte der Menschen in Deutschland beschneiden, indem sie ihnen unter anderem für 40 Euro im Jahr die freie Arztwahl abkaufen.

Jedem muß klar sein, daß es für knapp budgetierte Honorare und Fallpauschalen auch nur ebenso knapp budgetierte Leistungen und pauschale Behandlungen beim Patienten geben wird.

Es ist nun unsere Aufgabe, den Patientinnen und Patienten dieses klarzumachen; ihnen klarzumachen, wohin die Reise geht.

Die Proletarisierung des Arztberufes, den die Personen Lauterbach und Schmidt zu verantworten haben, und der dazu führt, daß uns Fachfremde vorschreiben, wie wir unsere Patienten zu behandeln haben, muß ein Ende haben, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Jüngste Äußerungen der Personen Lauterbach und Schmidt in den Medien zur Situation der Ärzteschaft in Deutschland zeigen, daß sie es mit freundlichen Worten nicht begreifen werden. Frau Schmidt behauptet, die Honorare und Gehälter der Ärzte seien in den letzten 6 Jahren gar gestiegen, und nennt dabei Prozentwerte, die noch nicht einmal der jährlichen Inflation standhalten. Frau Schmidt ist bekanntlich beratungsresistent und daher werden einzig und allein massive Protestaktionen und Streiks in Praxen und Kliniken die Bürgerinnen und Bürger und schlußendlich auch die Politik aufrütteln.

Uns Ärzten muß allerdings vollkommen klar sein: wir brauchen eine uneingeschränkte, gemeinsame Solidarität.

In den letzten Jahren waren wir ein zerstrittener Haufen. Bei solch einem Haufen hat es die Politik sehr leicht, ihre gesundheitspolitische Willkür an Arzt und Patient zu vollbringen. Nennenswerte Widerstände gab es nicht.

Doch mittlerweile ist der Leidensdruck so groß, daß ich eine nie da gewesene Solidarität unter der Ärzteschaft erkenne, und das, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist der einzig richtige Weg!

Das scheint auch Frau Bundesgesundheitsministerin erkannt zu haben, sie versucht nun wieder einen Pflock durch unsere Geschlossenheit zu treiben, indem sie von ungerechter Honorarverteilung und falscher Balance zwischen Krankenhaus und Niederlassung spricht und die Schuld dafür der Selbstverwaltung der Ärzte gibt.

Davon werden wir uns nicht beeinflussen lassen, wir kennen die Fakten, und wir werden für unsere Interessen kämpfen!

Es muß uns klar sein, daß wir nur etwas erreichen können, wenn wir zusammenhalten. Es muß in uns allen das Gefühl da sein, “was du meinem Kollegen antust,” – und das ist ganz wichtig, ganz gleich welcher Fachrichtung er oder sie angehört – “das tust du auch mir an.”

Haben wir dieses Gefühl erst einmal verinnerlicht, so ist dies der erste Schritt, um unseren Forderungen massiven Nachdruck zu verleihen.

Wir Krankenhausärzte sind hierzu bereit, und ich weiß, daß es die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen auch sind.

Aus diesem Grunde werden wir dem Aufruf des Hartmannbundes folgen und als Klinikärzte die Protestaktion am 8. Februar 2006 tatkräftig unterstützen.

Vielen Dank!



Mit Dank an Frau Dr. Klaudia Huber (Uniklinik Aachen) und Dr. Kai Balzer (Uniklinik Düsseldorf) für die Bereitstellung von Informationsmaterial für diesen Vortrag.

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Daß viele ambitionierte Kollegen aus der medizinischen Forschung ebenso das Land verlassen, ist ebenfalls eine traurige Tatsache.

Um auf die eingangs erwähnten Fallpauschalen zurückzukommen, muß noch erwähnt werden, daß durch diese neue Abrechnungsform viele Kliniken in massiven finanziellen Schwierigkeiten stecken. Dies wiederum hat zur Folge, daß ärztlichem und Pflegepersonal in den meisten Kliniken Urlaubs- und Weihnachtsgeld seit zwei Jahren gestrichen werden.

Es bedeutet aber nicht, daß in den Verwaltungen weniger Personal eingestellt wird, nein, liebe Kolleginnen und Kollegen, hier konnten Medizincontroller seit Einführung der Fallpauschalen praktisch ein zweites Wirtschaftswunder im eigenen Portemonnaie erleben.

Schauen Sie in die Stellenanzeigen! Medizincontroller werden zuhauf gesucht und mit teils unerhörten Konditionen geködert, während man Ärztinnen und Ärzte mit Sechsmonatsverträgen gängelt.

Dieses totalitäre Verwaltungssystem aus gesetzlichen Krankenversicherungen und Krankenhausverwaltungen muß ein Ende haben, sonst werden wir in Deutschland beim Gehalt der Krankenhausärzte noch tiefer rutschen, nämlich vom derzeit vorletzten Platz auf den letzten Platz innerhalb der Eurozone!