Rede von Dr. Stefan Steinmetz, im Audimax des Universitätsklinikums
Essen vom 1. Februar 2006

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

ich bin von den Essener Obleuten bestimmt worden, hier heute Abend einige Worte zur Situation der Hausärzte zu sagen, obwohl ich außer Obmann keine wirkliche Funktion bei irgend einer Organisation habe und meine eigentliche Qualifikation hier zu stehen tatsächlich nur diejenige ist, selber Hausarzt und zwar internistischer Hausarzt seit 21 Jahren in Essen zu sein.

Ich spreche nun für die große, sicherlich sehr inhomogene, aber größte Gruppe unter der Ärzteschaft, die sich sicherlich auch am schwierigsten solidarisieren lässt, was ich auch selbst schon bei meiner privaten Aktion gegen die Hausarztverträge gemerkt habe.

Ich spreche aber hier auch für die Gruppe unter den Ärzten, die neben den Kinderärzten, sicherlich unseren Patienten – liebe Fachärzte verzeiht - am nächsten steht und sich deshalb Aktionen gegen unsere Patienten - wie z.B. Praxisschließungen - die an der Gesundheitspolitik im wesentlichen unschuldig sind und selber darunter leiden, nur schwer bis jetzt vorstellen können.

Ich spreche aber auch für die Gruppe von Ärzten, die in der letzten Zeit den größten Spagat zwischen allen Beteiligten leisten müssen.

Denn wir Hausärzte bekommen unsere Therapieempfehlungen mittlerweile nicht nur von den Krankenhäusern, Fachärzten und Fachgesellschaften, nein auch von Pflegediensten, Sanitätshäusern, Krankengymnasten und Altenheimen.

Und durch die Budgetierung - unserer eigenen und die der Fachärzte – ist es zu einer extremen Überlastung gerade unserer Gruppe gekommen, da Fachärzte verständlicher Weise Termine erst nach Wochen oder Monaten vergeben.

Wo kommen die Patienten dann hin?
Zu uns - und wir stehen für fast alles und fast immer zur Verfügung.

Zusätzlich wird gerade unsere Berufsgruppe durch politisch bedingte Leistungsverlagerungen der Krankenhäuser in den ambulanten Sektor belastet.

Wir fordern also: weg mit unsinnigen Budgetierungen von Leistungen.

Und ich spreche auch für die Gruppe von Ärzten, die mit Bürokratismus in den letzten Jahren - vielleicht neben den Krankenhausärzten - am meisten überhäuft wurden.

Das fängt an mit den 10 Euro Eintrittsgebühr, die zu über 90 % in unseren Praxen geleistet wird und das trotz hohen Verwaltungs- und Ärgeraufwand völlig kostenlos.

Es geht weiter mit den DMPs, gegen die ich persönlich noch nicht einmal soviel Einwände habe, denn auch Hausärzte arbeiten Leitlinien getreu, aber die unsinnigen immer wieder Neueinschreibungen, weil irgendwelche Formulare bei irgend einer Krankenkasse nicht angekommen sind, nerven unendlich, insbesondere weil die meisten Krankenkassen es so darstellen, als ob es unsere Schuld wäre und wir unseren Patienten immer wieder die Sachverhalte erklären müssen.
Des weiteren das Gebaren der Krankenkassen, die Patienten mit zahlreichen Schreiben , ja sogar mit Telefonanrufen in diese Programme zu locken, obwohl die Patienten eindeutig nicht in die Programme gehören. Das riecht schon nach Betrug, und auch hier müssen wir immer wieder mit unseren Patienten diskutieren.

Dann die leidigen Hausarztverträge, die trotz aller Erklärungen der KV und der beteiligten Krankenkassen soviel juristische Angeln enthalten, sodass man diese - meiner Meinung nach - trotz der finanziellen Anreize weiterhin nicht unterschreiben kann.

Wir fordern also: weg mit unnötiger Bürokratie in unseren Praxen.

Des weiteren müssen wir uns jetzt auf Grund von politischen Vorgaben mit Organisationsprogrammen in unseren Praxen herumschlagen, möglicherweise uns noch zertifizieren lassen, ob wir z. B. nach langer Praxiserfahrung auch wirklich in der Lage sind, einen Patienten vernünftig organisatorisch durch unsere Praxis zu schleusen.
Und als nächstes droht die elektronische Patientenkarte, Essen soll hier sogar Versuchsfeld werden. Jede dritte Praxis wir ein komplett neues EDV System benötigen.
Das geht alles von unserer Zeit für die Versorgung von Patienten ab.
Und das Meiste ist auch völlig - für die angeblich doch so schlechte hausärztliche Versorgung - nicht nur überflüssig sondern auch unnötig.
Und es kostet unser nicht mehr ausreichend vorhandenes Geld.

Wir fordern also: keine neue unnötigen Kosten in unseren Praxen, keine Einführung der e-Cart ohne Sicherstellung der Übernahme aller Kosten durch die Krankenkassen.

Ich bin – wie einige wissen – seit über sechs Jahren der Mannschaftsarzt des Eishockeyclubs Moskitos Essen und betreue jedes Jahr unter anderem Kanadier, US Amerikaner, Skandinavier und auch Tschechen hausärztlich, lassen sie sich von denen mal erzählen, ob sie in ihren Heimatländern wirklich eine bessere und kostengünstigere gerade Hausarztmedizin genießen? In der Regel sind diese Patienten von der Effizienz und der Betreuung der Ärzte in Deutschland begeistert.

Meine Schwester lebt seit fast 30 Jahren in Holland und meine Tochter seit fast zwei Jahren in England, lassen sich auch von denen mal erklären, wie kompliziert es dort ist, Hausbesuche oder auch nur Rezepte zu bestellen oder auch einfach mal zu einem Facharzt zu gehen.
Gerade in England geht es dem Arzt gut aber dem Patienten schlecht.
Und dennoch behauptet unsere Politik immer, bei uns bezahlt man so viel und man bekommt so wenig, leider lassen sich davon auch manche Facharztgremien anstecken, wir Hausärzte sollen ja angeblich nur 19% unserer Hypertoniepatienten gut einstellen, wir sind weiter Schuld, dass unseren Diabetikern die Beine amputiert werden.
Es wird meist vergessen, dass gerade auch die Hausärzte Fachärzte sind und einige besitzen sogar mehrer Facharzttitel und wir bilden uns schon immer regelmäßig fort – wir brauchten dazu auch keine elektronischen Punktekonten.

Wir fordern also: Anerkennung der hausärztlichen Medizin mit vernünftiger Bezahlung.

Und nun sollen auch noch die Prüfungsorgien beginnen, da wir trotz aller Belehrung immer noch zu viele Medikamente verordnen, wie senkt man eigentlich sonst, den doch so schlecht eingestellten Blutdruck, womit behandelt man denn einen schlecht eingestellten Diabetes und auch beim Asthma und chronischer Bronchitis behandeln wir ja angeblich nicht ausreichend, deshalb droht ja hier auch wieder ein DMP.
Notwendige Bewegungs- und Ernährungsprogramme werden kaum ausreichend honoriert, ich weiß wo von ich spreche, denn ich bin auch Sport- und Ernährungsmediziner.
Für eine sinnvolle prophylaktische Medizin bezahlt in der Regel keine Krankenkasse wirklich.
D
ie Schizophrenie wird immer schlimmer, und nun soll im Medikamentenbereich auch noch ein Bonus- Malus System das Vertrauen zwischen Arzt und Patient stärken, auch das wird im Wesentlichen auf dem Rücken der Hausärzte ausgetragen werden, denn wir verordnen 80% der Medikamente.
Wir können nicht verstehen, dass wir mit unserem Honorar, von dem wir unsere Familien ernähren unsere Mitarbeiterinnen bezahlen  und die Praxiskosten decken müssen, auch noch mehr als je zuvor für therapeutische Entscheidungen in Regress genommen werden sollen.

Wir fordern also: keine Einführung des Bonus Malus Systems, kein Vorab-Honorar-Abzug wegen Medikamentenüberschreitung.

Und dann noch zum neuen EBM, nicht nur dass wir unsinnige Stunden damit verbracht haben neue fünfstellige Ziffernfolgen, die auch noch leicht zu verwechseln sind, zu lernen, nein man hat auch eine weiter Möglichkeit eingebaut, uns zu kriminalisieren, nämlich einen Zeitfaktor, der teilweise lächerlich ist - wir wollen nicht auf die rektale oder Brustuntersuchung eingehen, die, wenn die Zeitvorgabe tatsächlich eingehalten würde, wahrscheinlich sofort den Staatsanwalt in die Praxis holt - aber auch die Beurteilung eines EKGs oder die Durchführung einer Sonographie entspricht nicht der Realität.

Und wo für die ganze Mühe? wo blieb der versprochene Euro? Wo blieb die versprochene Planungssicherheit, die wir in unseren betriebwirtschaftlich zu führenden Praxen brauchen?

Wir fordern also: Bezahlung des neuen EBM nicht mehr in Punkten sondern in Euro.

Kollegen und Kolleginnen wir sind Kassenärzte und wir sind leidensfähig, aber irgendwann muss auch einmal Schluss sein.

Denken sie bitte daran, dass Sie auch Ihre Praxis irgendwann einmal übergeben wollen und nicht nur daran, dass das ja vielleicht auch ein Teil Ihrer Altersabsicherung sein sollte, nein - sie brauchen ja vielleicht später ja auch mal selber einen Hausarzt.
Und sollten sie jetzt daran denken, sie wären ja privat versichert, da käme ja dann bestimmt noch ein Arzt, dann hat Ihnen ja Ulla Schmidt schon die richtige Antwort auch für diese Überlegung gegeben.
I
ch denke, wenn die Privatversicherung fällt, stirbt wohl jede Praxis in Essen und es wird keinen einzigen Hausarzt mehr geben.

Wir fordern also: Hände weg von der Privatversicherung, keine Absenkung der seit 1996 nicht mehr erhöhten Privathonorare.

Junge Kollegen werden kaum noch bereit sein, für unser sinkendes Einkommen eine Praxis zu gründen und wenn doch, dann  hat bestimmt eine Bank was dagegen, denn nach „Basel 2“ muss man kreditwürdig sein und das ist man als Arzt demnächst wohl nicht mehr.

Liebe Kolleginnen und Kollegen – ich denke unsere Leidensfähigkeit ist überbeansprucht - wir müssen jetzt aufzeigen, dass wir sehr wohl solidarisch sein können und dass die Politik nicht noch mehr Eingriffe in unsere Praxen machen kann, ohne das wir bereit sind, uns zu wehren.

Unsere Praxen und damit die Versorgung unserer Patienten sind hochgradig gefährdet.

Erst stirbt die Praxis, dann der Patient.

Wir fordern also: Aufrechterhaltung des freien Arztberufes, freier Zugang des Patienten zur wohnortnahen Praxis.

Lassen sie uns also zunächst einmal gemeinsam aufzeigen, dass wir nicht mehr bereit sind weiter Einschnitte in unsere Praxen hinzunehmen.

Und deshalb sollten wir  - als erste Maßnahme - alle ohne Ausnahme am 8.2.06 mit unseren kompletten Praxisteams um 11.00 Uhr am Willy Brand Platz in Essen erscheinen.
Kein einziger Arzt in Essen sollte sich ausschließen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit

 

Dr. Stefan Steinmetz
Internist-Hausarzt
Sportmedizin
Ernährungsmedizin
Hirtsieferstr. 9

45143 Essen
http://www.dr-stefan-steinmetz.de

Email: stefan.steinmetz@t-online.de

 

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