Pressemitteilung

Aktionstage der Essener Ärzteschaft:

Dienstag, 19. Mai und Mittwoch, 20. Mai 2009

Veranstaltungsdauer:

Dienstag, 19.05.09: 10:00 Uhr bis 19:00 Uhr

Mittwoch, 20.05.09: 10:00 Uhr bis 13:00 Uhr

Niedergelassene Haus- und Fachärzte informieren über die Auswirkungen der Gesundheitspolitik auf die medizinische Versorgung der Essener Bevölkerung: „Fortbestand der wohnortnahen ambulanten ärztlichen Versorgung ist akut gefährdet“



Essen, 19. Mai 2009. Die Essener Ärzteschaft wird in dieser Woche in Lazarett-Zelten, die auf dem Kennedy-Platz aufgestellt werden, über die Folgen der letzten Gesundheitsreformen für die weitere ärztliche Versorgung in der Ruhrmetropole informieren. „Wir sorgen uns um die Aufrechterhaltung der wohnortnahen Versorgung unserer Essener Bürgerinnen und Bürger. Wenn Haus- und Fachärzte für die Patientinnen und Patienten - gerade die älteren - nicht mehr erreichbar sind, dann ist das für die Menschen eine Katastrophe“, sagt Dr. Ludger Wollring.


Am Dienstag von 10 bis 19 Uhr und am Mittwoch von 10 bis 13 Uhr werden die Ärztinnen und Ärzte in „öffentlichen Sprechstunden“ die „Krankheiten der Gesundheitsreform und die Leiden des Gesundheitswesens“ den Bürgerinnen und Bürgern vorstellen. Gemeinsam mit ihnen werden sie bereden und beraten, was getan werden kann, um eines der „besten Gesundheitssysteme der Welt“ wieder genesen zu lassen. Zum Auftakt am Dienstag um 10 Uhr wird es eine kurze Ansprache geben.


Die medizinische Versorgung der Essener Bevölkerung konzentriert sich in diesen Tagen auf die akuten Belange. Medizinische Notfälle werden selbstverständlich versorgt. Jede Praxis, die Kassenärztliche Vereinigung (Tel. 0201 38 41 61 13) und die hausärztlichen Notfallambulanzen an den Krankenhäusern sind informiert und Anrufbeantworter und Aushänge an den Praxen geben Auskunft über die Vertretungen. Alle planbaren Behandlungen werden verschoben. Die Essener Ärztinnen und Ärzte haben ihre Patienten hierüber bereits frühzeitig informiert.

Der Hintergrund der Aktion: Die Essener Ärztinnen und Ärzte sind in großer Sorge um den Fortbestand einer bedarfsgerechten wohnortnahen Versorgung der Patientinnen und Patienten durch niedergelassene Hausärzte und Fachärzte. Denn die chronische Unterfinanzierung der Versorgung hat sich aus ihrer Sicht in den letzten Jahren dramatisch verschärft. Die in 2009 gewährten Verbesserungen, die das Bundesministerium in großformatigen Anzeigen beschreibt, sind in Nordrhein nur zu einem minimalen Bruchteil angekommen (25 MIO von 3 MRD). „Es ist eine große soziale Ungerechtigkeit, dass den Menschen, die jahrzehntelange ihre Kassenbeiträge eingezahlt haben, nun durch zentrale Vorgaben aus Berlin die für sie erreichbare ambulante ärztliche Versorgung eingeschränkt werden soll“.[1]

Nicht nur die Patienten auch die Praxen trifft es: „Die völlig unzureichende Honorierung der ärztlichen Versorgung der Patienten in ihrer unmittelbaren Umgebung vernichtet Existenzen - von der Allgemeinmedizin bis hin zur Urologie“, so die Initiatoren des Aktionstages.

Die Ärztinnen und Ärzte in Nordrhein-Westfalen und damit auch in Essen - insbesondere aber auch deren Patienten - gehören zu den Verlierern der jüngsten Reformen. Weitere Leistungseinschränkungen für die Patienten oder auch Praxisinsolvenzen in NRW sind ein verheerendes Signal für die Versorgung kranker Menschen in unserer älter werdenden Gesellschaft wie auch für den ärztlichen Nachwuchs. Schon jetzt sind die Folgen des beginnenden Ärztemangels zu spüren, weil junge Kolleginnen und Kollegen sich von dem zerstörerischen Honorarsystem, insbesondere aber von dessen „zentralistischer Steuerung“ aus Berlin abgeschreckt fühlen und in anderen Bereichen als in der Patientenversorgung oder im Ausland tätig werden wollen. Und auch ältere Ärztinnen und Ärzte resignieren zunehmend vor diesem absurden System („Staatsmedizin“) und geben vorzeitig auf, andere reduzieren erschöpft den Umfang ihrer ärztlichen Tätigkeit.


Dabei sind gerade im Ruhrgebiet die medizinischen Herausforderungen offensichtlich. Dass nun aber gerade hier trotz eines bundeseinheitlichen Beitragssatzes zur Gesetzlichen Krankenversicherung den niedergelassenen Vertragsärztinnen und Vertragsärzten weniger Geld für die Patientenversorgung zur Verfügung gestellt wird als den Kolleginnen und Kollegen in anderen Bundesländern[2], ist nicht zu tolerieren.


„Berlin schiebt die Verantwortung hierfür von sich und die Landespolitiker zucken hilflos die Achseln“[3]. Auch beim Gesundheitsfonds erfolgt nach Ansicht der Ärzte die Verteilung der Lasten wieder zum Nachteil der hiesigen Region.

Nur mit patientenorientierten Rahmenbedingungen und nur mit einer leistungsgerechten Honorierung der Grund- und Regelversorgung wird es auch in Zukunft noch eine flächendeckende haus- und fachärztliche Versorgung der Bevölkerung auf hohem Qualitätsniveau geben. Die Tätigkeit als selbständiger, niedergelassener Vertragsarzt, also als „Kassenarzt“,  wird nur dann wieder attraktiver werden, wenn mit den ärztlichen Kern-Arbeiten die kleine mittelständische Existenz eines Vertragsarztes angemessen abgesichert werden kann. Eine gute Patientenversorgung ist nur mit solchen motivierten Kassenärztinnen und Kassenärzten realisierbar. Die ruinöse pauschalierte Vergütung aber, wie sie die Essener Ärztinnen und Ärzte im Augenblick erleben, bestraft Leistung und demotiviert auf Dauer.


Eine verfehlte Gesundheitspolitik hat dazu geführt, dass der Anteil der ambulanten ärztlichen Versorgung an den Leistungsausgaben der gesetzlichen Krankenkassen in den letzten zwei Jahrzehnten von vormals über 22% auf unter 15% (2007) gefallen ist. Das heißt: Nur noch 15 Euro von 100 Euro Kassenbeitrag kommen in der ambulanten ärztlichen Versorgung an, während gleichzeitig immer mehr ältere und mehrfach schwer erkrankte Menschen mit hochwertigen Leistungen - zum Beispiel Spiegelungen, Computertomographien, Magnetresonanztomographien, Chemotherapien, Heimbehandlungen oder ambulanten Operationen - versorgt werden.

„Die niedergelassenen Haus- und Fachärzte leisten in unmittelbarer Nachbarschaft ihrer Patienten weit über 90% aller Arzt-Patienten-Kontakte - dafür erhalten die Praxen weniger als 15% der Ausgaben der Gesetzlichen Krankenkassen“[4].


Doch das derzeitige Leistungsniveau wird bisher nur deshalb aufrechterhalten, weil die Ärztinnen und Ärzte und ihre Mitarbeiterinnen notwendige Leistungen für ihre Patientinnen und Patienten erbringen, die in erheblichem Umfang nicht vergütet werden. „Wer eine weitere Besserung der Wirtschaftlichkeit fordert, riskiert beim derzeitigen Stand vor allem eine weitere Minderung der Menschlichkeit.“[5] Dessen ungeachtet leidet die Versorgung unter einem schleichenden Prozess der verdeckten Rationierung, der durch die demographische Entwicklung gekoppelte Morbiditätszunahme aber auch durch die verfehlte Gesundheitspolitik der vergangenen Jahre immer stärker beschleunigt wird.

Ärztinnen und Ärzte geraten dadurch zunehmend in eine unwürdige und die Patienten in eine aus ärztlicher Sicht untragbare Situation. Zu Recht empfinden die Kolleginnen und Kollegen eine durch unbegrenzte politische Leistungsversprechen einerseits und streng begrenzte Finanzmittel andererseits geprägte Situation als Ethikfalle. Politische Versuche, die Lösung dieses Problems bei den Ärztinnen und Ärzten abzuladen, zerstören auf Dauer das Vertrauen im Patient-Arzt-Verhältnis.

Die Essener Ärztinnen und Ärzte sprechen sich dagegen aus und kämpfen für die Zukunft einer guten wohnortnahen ärztlichen Versorgung. Gleichzeitig weisen sie auf die Gefahr einer zentralisierten und nur zentral gesteuerten Versorgung hin.

Ihr Ansprechpartner für Rückfragen:



Dr. Ludger Wollring, Winkhausstraße 1, 45329 Essen, ludger@wollring.de




[1] Zitat Dr. Ludger Wollring

[2] Die Krankenkassen zahlen 2009 in Hamburg und Bremen für jeden Versicherten im Jahresdurchschnitt über 410 €, in Mecklenburg-Vorpommern 376 € und in Nordrhein nur um die 339 €.  (Quelle: KV Nordrhein)

[3] Zitat Dr. Ludger Wollring

[4] Zitat Dr. Ludger Wollring

[5] Zitat Dr. Ludger Wollring